Channel One –
Testbericht im Studio Magazin

Musik auf Channel One
von Fritz Fey

Nicht zu verwechseln

mit dem Klassiker Chanel No. 5, einer Duftkomposition für die anspruchsvolle moderne Frau, die ihre individuelle Ausstrahlung mit zielgerichteten Accessoires zu unterstreichen versucht, bietet sich mit dem Channel One nun auch dem anspruchsvollen modernen Toningenieur ein Werkzeug für die persönliche Klanggestaltung, das seiner Arbeit die erwünschte Individualität und “Duftnote” imstande zu geben ist.

In den heutigen eisigen Zeiten, in denen Mischpulte und Workstation-Mischeinrichtungen zu zwar vollautomatisierten, aber im Grunde charakterlosen Signalverteilungszentren verkommen, sehnt sich der Toningenieur nach ausdrucksvollen Gestaltungsmitteln, und so ist es kein Wunder, wenn Mischpultkanalzüge in 19″-Form wie Pilze aus dem Boden schiessen. Jedoch entweder liegen diese in wahrhaft astronomischen Preiskategorien, ihr “Vintage-Label” voller Stolz vor sich her tragend oder locken den Anwender mit ihrem vom schweren Marktkampf gezeichneten Minipreis. Dazwischen gibt es… – nichts, besser gesagt, gab es nichts, denn jetzt macht SPL mit dem Channel One einen überaus vernünftigen Vorschlag, wie man sich in einem moderaten Preisbereich zu einem exzellenten Mischpultkanal verhelfen kann, ohne Voodoo-Preisaufschlag und ohne die Schwächen einer hektisch zusammengenagelten Kiste, deren Verkaufszahlen die entsprechenden, leider viel zu oft von purer Geldsucht zerfressenen Anbieter vorzugsweise in Festmetern auszudrücken geruhen.

 

Der Channel One

ist ein Mikrofonvorverstärker, der dank seiner im Schlepptau angebotenen Funktionen De-Esser, Begrenzer, Kompressor, Noise Gate und EQ alles bietet, was man für eine qualitativ hochwertige Gesangs-, Sprach- oder Instrumentalsolistenaufnahme benötigt. Abseits dieser speziellen Aufgabe muss er jedoch kein trostloses Fachidiotendasein fristen, sondern eignet sich auch für die Nachbearbeitung praktisch jedes im Produktionsbetrieb vorkommenden Signals.

Seine besondere Stärke liegt in der extrem einfachen Bedienung. Der Entwickler Ruben Tilgner hat zahlreiche Automatismen und nach dem Musikalitätsprinzip ausgerichtete Vereinfachungen vorgesehen, die in der Regel zu einem schnellen und dennoch ausgesprochen befriedigenden Ergebnis führen. Einige Funktionen können tatsächlich mit nur einem Regler eingestellt werden, so dass man vielleicht zu der Auffassung kommen könnte, es handele sich in Wahrheit um ein Gerät für ausgesprochene Blödmänner. Doch das stimmt natürlich nur zum Teil. Der Grund für dieses ergonomische Konzept ist vielmehr die Idee, sich ganz auf das Drehen und Hören konzentrieren zu können, ohne einen Gedanken an üblicherweise zahlreich vorhandene Einstellparameter verschwenden zu müssen. Mehr oder weniger Kompression, mehr oder weniger Zischlautbegrenzung, mehr oder weniger Noise Gate? Der Rest funktioniert automatisch. Derartige “Vollautomaten” bieten natürlich mächtig viel Anlass zur Kritik, speziell bei der Gattung von Anwendern, die sich die totale Kontrolle über das Regelverhalten eines Kompressors nicht aus der Hand nehmen lassen wollen. Doch wie oft gelingt es in der Praxis, mit einer statischen Einstellung der Regelkonstanten für die Ansprech- und Rückstellzeit allen Eigenarten eines kompletten Gesangsdurchlaufs gerecht zu werden? Ist es bei der Gesangsaufnahme nicht viel wichtiger, sich auf den emotionalen Ausdruck und die musikalische Stimmung, als sich auf die bange Frage nach der Richtigkeit der Kompressoreinstellung zu konzentrieren? Dabei kommt es natürlich darauf an, wie schlau die Analyse des zu bearbeitenden Signals und die entsprechende automatische Parameterwahl erfolgt. “Schlau” ist in diesem Zusammenhang einerseits gleichzusetzen mit “musikalisch”, andererseits mit der Erfüllung bestimmter Hörerwartungen und einem besonderen klanglichen Fingerabdruck, der vom Entwickler vorgegeben wurde und sich dennoch dazu eignet, die eigene Kreativität spielen zu lassen.

Schnelldurchgang

Betrachten wir im weiteren Fortgang die einzelnen Funktionen des Channel One, und zwar in der Reihenfolge ihrer Anordnung auf der Frontplatte. Erstes Element ist selbstverständlich der Mikrofonvorverstärker, sozusagen als qualitätsbestimmender Zugang zu den folgenden Bearbeitungsstufen. Er verfügt über einen zweiten Regler für die Vorverstärkungseinstellung der zusätzlichen Eingänge für Leitungs- und Instrumentenpegel. Der zweckgemäss hochohmige Instrumenteneingang befindet sich sinnvollerweise als Klinkenbuchse auf der Frontplatte. Mit einem dieser Buchse zugeordneten Taster schaltet man die Leitungs- und Instrumenteneingänge ein, den Mikrofoneingang dementsprechend ab. Der Regler für die Mikrofonvorverstärkung überstreicht einen Bereich von 10 bis 65 dB; ihm zugeordnet sind drei Taster für die Phantomspeisung, die Phasenumkehr und ein Hochpassfilter mit einer Grenzfrequenz bei etwa 50 Hz. Die Verstärkersektion gibt ausserdem über das mittlerweile in vielen Geräten, zumindest aber bei SPL obligatorische Gitterfernster den Blick auf eine Doppeltrioden-Röhre frei, die keinesfalls nur Kaminfeuerstimmung aufkommen lassen soll. Sie dient einerseits als abschliessendes Element der Vorstufe und greift ein zweites Mal am Ende der Bearbeitungskette ein, und ist so für den speziellen Klangcharakter des Channel One verantwortlich, nicht etwa im Sinne eines Klirrgenerators, sondern unter Ausnutzung der besonderen Kennlinie und des daraus resultierenden Klangverhaltens. Optional kann der Eingang mit Lundahl-Eingangsübertragern bestückt werden.

Das erste Bearbeitungselement

ist der De-Esser; kein herkömmliches Design mit frequenzabhängiger Begrenzung, sondern eine Schaltung, die erstmalig im vom SPL angebotenen zweikanaligen De-Esser Modell 9629 zum Einsatz kam. Gearbeitet wird mit Filtern, die lediglich den Bereich der störenden Zischlautkomponenten bearbeiten, den Rest des Frequenzspektrums jedoch in Ruhe lassen. Weiss der Teufel, wie nun ganz genau die Zischlautkomponenten vom De-Esser erkannt werden, wahrscheinlich verraten sie sich durch ihr spezielles dynamisches Verhalten bezogen auf einen begrenzten Frequenzbereich, so dass beispielsweise weniger explosiv ausgelegte S-Anteile die Bearbeitung unbeeinflusst überstehen. Auf jeden Fall werden die spektralen Anteile, die dem Zischlautmuster entsprechen phasenumgekehrt dem Original zugemischt und eliminiert. Das funktioniert so überzeugend, dass man einen De-Esser alter Schule fortan nicht mehr benutzen möchte. Es ist ganz wunderbar: keine Vokalartisten mit Lispelstimme oder Zahnspange mehr! Hatte ich schon erwähnt, dass man den De-Esser mit nur einem Regler bedient? Möglich macht”s in erster Linie die Auto-Threshold-Funktion, die eine Signalbearbeitung unabhängig vom Pegel erlaubt. In der De-Esser-Sektion befindet sich deshalb nur noch der On-Taster und der Taster für den schaltbaren Einschleifpunkt (Platz genug ist ja vorhanden).

Es folgt die nächste Sektion: Begrenzer/Kompressor/Noise Gate.

Das Eingangssignal für die Dynamikabteilung stammt aus dem De-Esser oder, falls eingesetzt, aus dem externen Gerät, das am Einschleifpunkt hängt. Die Signalreihenfolge kann jedoch dahingehend verändert werden, dass, bei Betätigung der “PreComp”-Taste, der Kompressor/Begrenzer hinter den Equalizer geschaltet wird und somit die EQ-Einstellung mitbearbeitet wird. Die ganze Bedienherrlichkeit besteht aus drei Reglern (und den beiden Tastern “On” und “Limiter). Aufholverstärkung, Verstärkungsminderung (Kompressionshub) und Noise Gate Arbeitspunkt können eingestellt werden. Mit der Taste “Limiter”, wer hätte dies für möglich gehalten, verwandelt sich der Kompressor in einen Begrenzer. Der Regler für den Kompressionshub wird dann zur Einstellmöglichkeit des Begrenzer-Arbeitspunktes. Der Hersteller weist in seinem, übrigens gewohnt verständlich und gut geschriebenen, Handbuch darauf hin, dass der Begrenzer keine absolute Pegelgrenze ermöglicht, sondern als Soft-Limiter arbeitet. Es empfiehlt sich daher bei Aussteuerung nachfolgender Digitalgeräte eine Übersteuerungsreserve im Bereich von 2 bis 4 dB. Der Kompressor arbeitet maximal mit einem Verhältnis von 1 zu 2.5 und weist ausgesprochen flach verlaufende Kennlinien auf. Das Regelverhalten entspricht in etwa dem eines Opto-Kompressors mit Soft-Knee-Charakteristik. Ich fühlte mich bei meinen Hörversuchen etwas an das klassische Kompressormodul von API erinnert. Mit dem Regler “Make Up Gain” holt man den durch die Kompressionsreduktion verlorenen Pegel wieder auf, aber wem sage ich das. Eine Besonderheit des Kompressors ist die automatische Einstellung beider Zeitkonstanten, also sowohl für Ansprech- als auch Rückstellzeit. Manuelle Einstellmöglichkeiten sind nicht vorgesehen. Eine Tatsache, die den praktischen Umgang mit dem Kompressor erheblich erleichtert (siehe auch “Hören”…). Eine schaltungstechnische Besonderheit ist das Doppel-VCA-Design, das Offset-Fehler und unerwünschte Verzerrungsprodukte vermeiden hilft.

Das Noise Gate

verfügt, wie schon erwähnt, lediglich über einen Regler zur Einstellung des Arbeitspunktes und arbeitet mit programmabhängiger Rückstellzeit. Mit einer Hysterese von etwa 6 dB (siehe auch “Messtechnisches”…) arbeitet das Gate sehr eindeutig. Das wenig geliebte “Flattern” bei kritischen Signalen bleibt aus.

Der dreibandige Entzerrer

ist das letzte Bearbeitungswerkzeug in der Signalkette des Channel One. Mit fünf Reglern macht man seine Einstellungen: Mitten und hohe Mitten im Bereich von 650 Hz bis 13.7 kHz können jeweils um zwölf dB angehoben beziehungsweise abgesenkt werden. Der EQ arbeitet in zwei Bändern (Mid und Low) nach dem Proportional-Q-Prinzip, das heisst, die Filtergüte wird mit steigenden Einstellwerten steiler. In der Praxis nimmt so der Fokus auf eine bestimmte Frequenz zu, je stärker man sie absenkt beziehungsweise anhebt. Das Tiefenband überstreicht den Frequenzbereich zwischen 30 und 720 Hz. Zusammen mit dem Mittenband wird so der gesamte interessierende Frequenzbereich überlappend abgedeckt. Anhebung und Absenkung erfolgen hier im Bereich von +14 und -14 dB. Nach oben abgerundet wird die Wirkungsweise des EQs durch das Höhenband, das sogenannte “Air Band”. Hierbei handelt es sich um ein Glockenfilter bei einer festen Frequenz von 17.5 kHz. Das Spulen/Kondensator-Design ist für den weichen “luftigen” Klangcharakter verantwortlich. Die Wirkung setzt zwischen 1 und 2 kHz langsam ein und geht hinauf bis deutlich über die menschliche Hörgrenze. Schäferhunde würden ihre wahre Freude daran haben. Für uns kommt in diesem Bereich allenfalls das veränderte Phasenverhalten als “Rückmeldung” in das Hörspektrum zum Tragen, dann allerdings auf eine sehr angenehme Art und Weise.

In der EQ-Sektion ist schliesslich auch noch ein Regler mit der Bezeichnung “Distortion” untergebracht, der allerdings nicht dazu dient, die Röhre zum Kochen zu bringen, sondern einen armen FET zum Wahnsinn treibt. Die so gewonnenen Klirranteile werden vom EQ erfasst, denn der FET arbeitet vor dem Entzerrer. Dieser Regler gehört im Normalfall in die Null-Stellung, denn Verzerrungen sind in den wenigsten Fällen wirklich erwünscht. Wer damit experimentieren möchte, bitteschön…

Zum Schluss die Ausgangssektion,

die allerdings noch einiges zu bieten hat: Der Ausgangspegel ist einstellbar zwischen -20 und +6 dB, der gesamte Ausgang über einen Mute-Taster stummschaltbar. Eine kleine Besonderheit ist das komfortable LED-Anzeigefeld: Hier überwacht man den Ausgangspegel und den Hub des Kompressors mit zwei zehnteiligen LED-Instrumenten. Weiterhin finden wir vier LEDs vor, die zur Signalisierung der S-Laut-Erkennung, Übersteuerung, Signalpräsenz und der Aufwärmphase der Röhre (fast wie beim Diesel) dienen. Des weiteren finden sich am rechten Ende zwei Regler für die Kopfhörerlautstärke nebst Stereo-Klinkenbuchse, sowie die Playbacklautstärke eines extern in die Kopfhörer zugespielten Stereo-Signals. Uups, und fast hätte ich noch den Netzschalter vergessen: wie es sich für ein 19″-Gerät gehört, auf der Frontplatte (lesen Sie zu diesem Thema in einem anderen Zusammenhang den Anwenderkommentar von Günter Pauler zum Waves L2 in dieser Ausgabe).

 

Die Rückseite

dieses schönen Gerätes zeigt sich ausgesprochen vielseitig und gut bestückt. Wir finden hier den symmetrischen XLR-Mikrofoneingang, den symmetrischen Stereoklinken-Line-Eingang und die ebenfalls symmetrischen Stereoklinkenbuchsen des Einschleifpunktes, der hinter dem De-Esser und vor dem Kompressor angeordnet ist. Auf diese Weise kann man aus dem Channel One einerseits zwei Geräte machen, nämlich eine Mikrofonvorstufe mit De-Esser und einen Dynamikprozessor mit Kompressor/Begrenzer/Noise Gate und Dreiband-EQ oder aber einfach ein anderes externes Lieblingsgerät ins Spiel bringen. Der Ausgang ist jeweils als XLR- und Klinke (symmetrisch) ausgeführt, zusätzlich sind die bereits erwähnten asymmetrischen Playback-Inputs vorhanden. Eine Option bietet der A/D-Input 2: Bei Verwendung des als Erweiterung erhältlichen AD/DA-Wandlermoduls kann dem Wandler über diesen Eingang ein weiteres Signal zugeführt werden, so dass gleichzeitig zwei Mono-Signale gewandelt werden können. Liegt dort kein Signal an, so wird das Ausgangssignal des Gerätes auf beide Wandlerkanäle gelegt. Der maximale Eingangspegel beträgt +12 dB entsprechend 0 dBFS. Muss ich das noch erwähnen? Na ja, OK: es gibt auch noch einen Ground-Lift-Schalter, der die interne Masse von der Gehäusemasse trennt. In einem gut verdrahteten Studio mit durchgängig symmetrischer Anschlusstechnik bleibt dieser Schalter “unsichtbar”.

 

Messtechnisches

Unsere Messungen am Channel One, wie üblich mit unserem System Two Cascade Messsystem von Audio Precision durchgeführt, absolvierte das SPL-Gerät durchweg souverän und beispielsweise hinsichtlich des Rauschverhaltens sogar mit sehr überzeugenden Ergebnissen. Zur Untersuchung der Mikrofon-Eingangsstufe verwendeten wir den symmetrischen Insert-Ausgang, um störende Einflüsse der übrigen Baugruppen auszuschliessen; eingangsseitig war wie gewohnt ein 200 Ohm-Widerstand angeschlossen. Es ergab sich bei aufgedrehtem Gain-Regler eine maximale Verstärkung von +64,2 dB; mit geschlossenem Regler lag die Verstärkung noch bei +8,2 dB. Bei der Maximalverstärkung rauschte der Vorverstärker mit -63,7 dBU RMS effektiv unbewertet (22 Hz bis 22 kHz). Daraus ergibt sich ein ganz ausgezeichneter Wert von 127,9 dB für das äquivalente Eingangsrauschen (EIN), mit dem sich die Vorstufe aus messtechnischer Sicht eindeutig in die Spitzenklasse rauscharmer Mikrofon-Vorverstärker einordnet. Bei Quasipeak-Messung mit CCIR-Filter lag das Rauschen bei -52,9 dBu. Aber auch bei niedrigeren Verstärkungseinstellungen, die in der Praxis natürlich eine weitaus grössere Bedeutung haben, rauscht die Vorstufe nur unwesentlich mehr: Für 50 dB Verstärkung ergab sich bei RMS-Messung ein EIN-Wert von 127,4 dB und bei 40 dB Gain wurden immerhin noch 125,6 dB erreicht.

Das Diagramm 1 zeigt das FFT-Rauschspektrum der Mikrofonvorstufe bei maximaler Verstärkung, das im gesamten Frequenzbereich frei von auffälligen Störkomponenten war. Die Eingangssymmetrie, gemessen bei 40 dB Verstärkung am Mikrofoneingang, war mit rund -90 dB Dämpfung bei 1 kHz und -83 dB bei 15 kHz ebenfalls tadellos.

Diagramm 2 zeigt Frequenz- und Phasengang des Mikrofoneingangs mit und ohne zugeschaltetes Hochpassfilter. Bei aktiviertem Line-Eingang und einer eingestellten Über-Alles-Verstärkung von 0 dB rauschte der Ausgang mit sehr guten -90 dBu (alle Bearbeitungsstufen abgeschaltet); mit zugeschaltetem EQ in Neutralstellung wurde das Ausgangsrauschen um gut 3 dB schlechter. Den maximalen Ausgangspegel ermittelten wir mit +20,5 dBu; die Clip-LED leuchtete bei etwa +20 dBu auf. Zusammen mit dem maximalen Ausgangspegel ergibt sich also ein sehr komfortabler Dynamikbereich von rund 107 dB bei zugeschaltetem EQ. Die in dBu skalierte LED-Pegelanzeige im Ausgangsbereich entspricht übrigens exakt den Tatsachen. Der Regelbereich des Gain-Reglers für den Line-Eingang reicht von -11,5 bis +22,8 dB (Ausgangsregler in Mittelstellung); der Ausgangsregler kann das Signal noch einmal um 21 dB dämpfen oder um 5,5 dB anheben (bezogen auf die Rastposition).

Diagramm 3 zeigt das Klirrverhalten in Abhängigkeit vom Eingangspegel mit einem charakteristischen wannenförmigen Verlauf.

Diagramm 4 verdeutlicht die sehr steilflankige Arbeitsweise des De-Essers mit unterschiedlichen Intensitäts-Einstellungen; Diagramm 5 zeigt einige Filterkurven des EQs am Beispiel des Air- und des Low-Filterbandes. Das untere Frequenzband war dabei auf die niedrigste Ansatzfrequenz (30 Hz) eingestellt. Die im EQ-Bereich angeordnete Distortion-Funktion arbeitet folgerichtig auch nur bei aktivem EQ; das Diagramm 6 zeigt ein Beispiel für ein FFT-Klirrspektrum mit unterschiedlichen Reglerstellungen.

Der Kompressor lässt sich anhand der in Diagramm 7 dargestellten Kennlinien eindeutig als Vertreter der Softknee-Fraktion identifizieren, während die in Diagramm 8 gezeigte Limiter-Funktion wie gefordert eindeutige Knickpunkte und einen nahezu unendliche Ratio aufweist.

Diagramm 9 verdeutlicht die Wirkungsweise des Noise Gates; klar zu sehen ist hier die Hysterese-Funktion (rund 6 dB).

 

Hören

Nachdem wir es bei der Mikrofonvorstufe nachgewiesenermassen mit einer messtechnisch sehr fähigen Komponente zu tun haben, war die Neugier in Bezug auf die klanglichen Eigenschaften sehr gross. Mit dem Channel unter dem Arm begab ich mich deshalb in das Tonstudio Keusgen, das ich ohnehin für unseren Mikrofontest Teil 3 (in dieser Ausgabe) für einen Tag in Beschlag nehmen musste. Ein fettes Dankeschön in diesem Zusammenhang übrigens an Dieter Keusgen, der noch Platz für mich in seinem zum Bersten engen Terminkalender gefunden hatte.

Dank der zahlreichen für den Mikrofontest im Studio befindlichen Kondensatormikrofone und dem darüber hinaus vorhandenen Mikrofonbestand von Dieter Keusgen war die Basis für einen Hörtest nahezu optimal. Unser erstes Augenmerk galt zunächst der gehörmässigen Bestätigung der ermittelten Rauschdaten des Vorverstärkers. Wir pflegen zu diesem Zweck ein sehr leises, weit entferntes Signal über ein dynamisches Mikrofon bei voller Verstärkung laut abzuhören. Kein auch nur annähernd auszumachendes Rauschen weit und breit, war das höchst erfreuliche, jedoch auch erwartete Ergebnis. Und auch der Klang dieses Signals, einer leisen Sprechstimme, konnte sich unter diesen widrigen Umständen durchaus noch hören lassen. Weitere Versuche galten der Sprach- und Gesangsaufzeichnung, die wir mir Hilfe unseres Toningenieurkollegen Dieter Rolke durchführten, der seinen Platz hinter dem Pult freundlicherweise mit dem vor dem Mikrofon tauschte.

Das dynamische Verhalten des Vorverstärkers wirkte sehr natürlich, begleitet von einem luftigen, nach oben sehr offenen und geradezu plastischen Klangbild. Wir vermuten einmal die Röhre als verantwortlich für den samtigen Höhenbereich und die runden, aber dennoch festen Tiefen. Die S-Laute der Stimme kamen auf angenehme Weise leicht entschärft herüber. Nach einer ganzen Reihe von Hörtests mit kostspieligen Vintage-PreAmps in diesem Studio kamen wir zu der einhelligen Auffassung, dass der Vorverstärker im Channel One definitiv zur Spitzenklasse zu zählen ist, wenngleich er dem Originalsignal ein ganz klein wenig “Eigenleben” im Höhenbereich, allerdings in ausgesprochen positivem Sinne, mit auf den Weg gibt. Die Stimme scheint tatsächlich zu leben, und das macht das klangliche Ergebnis so überzeugend.

Der De-Esser, ich hatte es zuvor schon erwähnt, ist ein ebenso einfach zu bedienendes wie wirksames Werkzeug, das seinen Dienst mit verblüffender Treffsicherheit verrichtet. Auch problematische Zischlaute können sicher abgefangen werden. Störende Begleiterscheinungen wie Lispeln oder das Zischen “virtueller Zahnlücken” kann man getrost zu den Akten legen. Mehr kann man eigentlich nicht dazu sagen. Es funktioniert einfach – und das mit einem Regler. Gut ist übrigens, dass im Display auch dann “S-Detect” signalisiert wird, wenn der Regler auf Null steht…

Der Kompressor mit seinen programmabhängigen Zeitkonstanten erinnert stark an den Klang eines Optokompressors mit deutlich verrundetem Kennlinienknick. Die Automatik verhält sich in den meisten Fällen richtig, oder sagen wir besser, ich habe keine Situation gefunden, in der von einem “falschen” Regelvorgang die Rede hätte sein können. Dabei ist der Kompressor keineswegs vollständig unhörbar, so wie man es eigentlich auch von einer solchen Komponente erwartet. Auch bei sehr kräftigem Kompressionshub in der Gegend von 10 bis 12 dB geht ihm nicht die Puste aus. Sehr einfach einzustellen, mit fast ausnahmslos guten Ergebnissen, ist er gleichermassen das richtige Werkzeug für den unerfahrenen Anwender und den unter Zeitdruck stehenden Profi, der ein schnelles Ergebnis braucht, mit dem man nicht nur einigermassen leben, sondern sehr zufrieden sein kann.
Der Begrenzer arbeitet zuverlässig, ist jedoch kein Brickwall-Limiter für einen absoluten Ausgangspegel. Dafür hat er aber auch nicht dessen unangenehme Begleiterscheinungen wie Klirr oder Höhentod. Ein paar dBchen Reserve bis zur Aussteuerungsgrenze bieten sich deshalb an. Auch als Effektlieferant ist dieser Begrenzer nicht uninteressant. In der Praxis fiel die einstellbare Aufholverstärkung positiv auf, nicht nur durch ihr blosses Vorhandensein, sondern durch die Tatsache, dass sie zusammen mit der Dynamiksektion ausgeschaltet wird, wenn man in Bypass geht und dadurch optimale Vergleichmöglichkeiten zum Original gegeben sind.

Das Noise Gate ist mit seiner ebenfalls programmabhängigen Rückstellzeit und einer Hysterese von 6 dB (siehe Messtechnik) ein sehr einfach einzustellendes Werkzeug. In den meisten Fällen erhält man auf Anhieb das richtige Ergebnis. Man sollte bei der Wahl des Arbeitspunktes allerdings sorgfältig zu Werke gehen, damit nicht etwa der Einschwingvorgang des bearbeiteten Signals angeschnitten wird. Die Hysteresis und das dadurch bedingte gutmütige Verhalten des Gates hat mich in manchen Fällen zu übertriebenen (zu hohen) Arbeitspunkteinstellungen verleitet. Es geht, nebenbei gesagt, nicht alles mit diesem Gate. Bestimmte Dinge lassen sich durch die automatische Rückstellzeitkonstante nicht erzwingen.

Der EQ folgt dem Geräteprinzip einer möglichst einfachen Einstellung der in typischen Arbeitssituationen gefragten klanglichen Korrekturen, etwa einer Stimme mehr Brust, Volumen, Durchsetzungskraft oder Glanz zu verleihen. Auf Einstellungsmöglichkeiten der Filtergüte wurde ganz verzichtet, diese wird jedoch, bedingt durch das gewählte Schaltungsprinzip, bei höheren Einstellwerten steiler. Mit dem “Air Band” erreicht man erwartungsgemäss, was der Name verspricht: Man fügt dem Signal etwas Luft nach oben hinzu, der in einem sehr angenehmen weichen Glanz zum Ausdruck kommt. Mit dem Mittenband lassen sich Solisten sehr schön akzentuieren, Eigenarten einer Stimme verstärken oder abmildern. Die Tiefen wirken sehr rund, ohne jedoch wolkig zu werden.

Bleibt zum Schluss noch der Distortion-Regler, mit dem man wie schon erwähnt einen armen kleinen FET quält, der sich prompt durch die Erzeugung harmonischer Verzerrungen rächt. Eine kleine Dosis davon bietet sich manchmal für Rockgesang an, deutlich mehr kann etwa eine direkt über den Instrumenteneingang eingespielte E-Gitarre vertragen. Ich betrachte die Funktion “Distortion” als eine nette Zugabe, die in manchen Fällen durchaus brauchbar sein kann.

Eine kleine Anregung zum Gerätedesign möchte ich am Schluss dieses Abschnitts doch noch loswerden. Gerne hätte ich einen Master-Bypass für die gesamte Bearbeitungssektion gesehen, um den Vergleich zum nackten Original noch schneller zu erhalten. Zu diesem Zweck muss man nämlich drei Bypass-Tasten (gleichzeitig) drücken. Aber ich will nicht kleinlich sein …

Fazit

Zu einem Preis von 2.490 Mark inklusive Mehrwertsteuer (ja, Sie lesen ganz richtig!) bietet uns der deutsche Hersteller SPL ein phantastisches Werkzeug, das mit überragenden klanglichen Eigenschaften und einer ausgezeichneten Messtechnik aufzuwarten versteht. Der Channel One ist sauber verarbeitet, diesmal zwar ohne besondere designerische Leckerbissen oder handgedengelte Potentiometer, verfügt aber auf der anderen Seite über eine sehr vielseitige Anschlusstechnik, die einem Arbeiten “im Proberaum” ebenso wie dem professionellen Sounddesign in der vollausgestatteten Edelregie zugute kommt.

Das ergonomische Konzept eines extrem schnellen und einfachen Arbeitens am Mikrofonsignal bei gleichzeitig ausgezeichneten klanglichen Ergebnissen ist dank einer Mischung aus sinnvollem Weglassen oder der Automatisierung von Einstellparametern voll aufgegangen. Die Sängerin, der DJ im Sendestudio, der Werbesprecher und ganz viele Musikinstrumente werden Ihnen die Anschaffung dieses Gerätes danken.

Gewisse messtechnische Extravaganzen, wenn man Schwächen einmal so ausdrücken möchte, die zugunsten des Klanges bei vielen Vintage-Geräten bewusst in Kauf genommen werden, sucht man am Channel One (glücklicherweise) vergeblich.

Mit diesem Gerät schliesst der Hersteller auf extrem hohem Qualitätsniveau eine bislang noch nicht besetzte preisliche Lücke; der Channel One wird deshalb nach meiner Einschätzung ein richtiger Verkaufsschlager werden. Wirklich etwas zum Fürchten für den Wettbewerb! Diese Art von Qualität, Produktdesign und am Bedarf orientierter Marktpositionierung wird bei SPL langsam zur Gewohnheit. Da freut man sich doch direkt darauf, was wohl als nächstes kommt …