De-Esser –
PROSOUND

Frage: Woran erkennt man einen Zischlaut?
Antwort: An 2500 synchron zusammenzuckenden Zuhörern!

Dirk Wedell

In den USA wird generell bessere Live-Sprachübertragung als hierzulande geboten. Eine so provokante Behauptung sollte besser begründet wreden, bevor Protest aufkommt. Der Grund ist einfach: In den Staaten und vielleicht auch im weiteren englischsprachigen Raum hat sich der sog. “De-esser” durchgesetzt und hier noch nicht. Ein De-esser (wörtl. Übersetzung = “Ent-S-er”) filtert aus dem Sprachsignal die überbetonten “S” und anderen Zischlaute heraus. Die quälenden, vom Mikro überproportional stark übertragenen S-Laute werden unterdrückt und auf ein normales Maß zurückgeschraubt. Die übliche technische Funktion ist recht einfach: Ein Detektorfilter (Bandpaß), das auf dem Frequenzband der Zischlaute liegt, steuert einen VCA an, der genau diesen Frequenzbereich absenkt. Der grundsätzliche Unterschied zum EQ ist: Ein Equalizer greift auch dann ein, wenn keine Zischlaute übertragen werden. Die Firma SPL hat diese Funktion, bei der es sich um einen Kompressor handelt, der nur in einem bestimmten Frequenzbereich arbeitet, überprüft und als nicht ganz optimal eingeschätzt. Der Haupt-Nacchteil der alten Schaltungstechnik waren Verfärbungen (Näseln) und bei zu kräftiger Einstellung ein deutlich hörbares Lispeln des Sprechers, das ihn der Lächerlichkeit preisgab.

Der SPL “Auto Dynamic De-esser, Modell 9629” arbeitet etwas anders. Erster Punkt: Die Eingreiffrequenz braucht nicht mehr gesucht werden.. Die Suchfunktion findet sie automatisch und vor allen Dingen exakter, als ein Bediener es kann. Der Bediener muß nur unterscheiden, ob es sich um eine hohe oder tiefe Stimme handelt und den Taster Male/Female drücken. Spürt die Schaltung nun ein S auf, so wird das Signal dieses Zischlautes invertiert und dem Original aufaddiert. Somit wird nur der S-Laut, aber nicht die Umgebung reduziert. einen günstigen Einstieg in die Funktionsweise findet man beim ersten Ausprobieren, indem der “S-Reduction”-Regler voll aufgedreht wird. Die S-Laute sind nun weg. Wird nun der Regler wieder zurückgedreht, tauchen die Zischlaute wieder auf und man kann sich aussuchen, wie weit sie in Erscheinung treten. Das ist im Prinzip schon alles, die übrigen Features lassen sich unter der Rubrik “Bedienungshilfen” einordnen. Hier ist die Funktion “Auto Thresholf” am wichtigsten. Verändert der Sprecher den Mikrofonabstand, so verändert sich auch die Eingreiftiefe des Gerätes. Die Auto-Threshold (= Schwellenautomatik) gleicht die Pegelsprünge aus. Die S-Laute bleiben also im Verhältnis zur Umgebung immer konstant. Der Male/Female-Schalter verschiebt den Eingreifbereich um ca. 800 Hz. Der “Active”-Schalter überbrückt das Gerät, was nicht nur im Pannenfall hilfreich ist, sondern auch die Einstellung erleichtert, indem man zwischen beeinflußtem und unbeeinflußtem Signal umschaltet. Das Gerät selbst ist ein 19″-1HE-Gehäuse mit zwei identischen De-essern. Die Eingänge sind (Stereo)Klinke und XLR, symmetrisch mit einer Eingangsimpedanz von 22 kHz. Die Ausgänge sind ebenfalls elektronisch symmetriert und können eine Last von 600 Ohm treiben. Weitere technische Einzelheiten sind: Die Schwellenautomatik ist schaltbar. Das 10-Segment LED-Display zeigt nur die Einwirkung der S-Reduktion an, nicht aber den Gesamtpegel. Alle Pinbelegungen sind auf der Rückseite aufgedruckt. Der Groundliftschalter ist auf der Rückseite. Wie macht sich das Gerät nun im Live-Einsatz z.B. bei einem Festredner bemerkbar? Die Hauptfunktion ist klar, man muß nicht mehr mit ansehen, wie ein Auditorium in einer Halle wie ein Mann zusammenzuckt, weil wieder ein überdimensionales S durch die Halle zischt. Dann, im Zeitalter der Prozessoranlagen und der Endstufen mit Limitern noch zwei weitere Gesichtspunkte: Das Sprachsignal wird bei einer Festrede zwar nur sehr selten mit anderen Signalen zusammengemischt, aber das könnte ja vorkommen. Ohne De-esser würde das passieren, was immer bei Prozessoranlagen und anderen Limitern im Masterweg passiert, das Übersteuern der Sprache löst den Limiter aus und das darunterliegende Signal wird geduckt (abgeschwächt). Der De-esser in den Inserts zweier Mikrofonkanäle liefert der nachfoglenden Audiokette ein sauberes und “peakfreies” Signal ohne Übersteuerungen. Interessant hierbei ist das allgemein akzeptierte Sprachfilter (100 Hz-Filter), das zum Beispiel ganz perfekt vor Übersteuerungen im Baßbereich schützt. Bei Sprachübertragungen sollte der De-esser, der in den Höhen für Ordnung sorgt, genauso selbstverständlich sein. Ein weiterer Gesichtspunkt im Zusammenhang it Prozessoranlagen ist der Hochtöner- und Treiberschutz. Betreiber solcher Anlagen neigen dazu, an Leistung herauszuholen, was drin ist. Die Schwingspulen der Hochtonwandler können sich mnit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schon an die Grenztemperatur annähern. Ein besonders gräßlicher Zischlaut könnte der Tropfen sein, der das Faß zum Überlaufen bringt.